Die IBOR-Reform - weltweite Neueinführung von Referenzzinssätzen

Seit mehr als drei Jahrzehnten sind Referenzzinssätze (Interbank Offered Rates, IBORs) ein Eckpfeiler des internationalen Finanzsystems. Sie dienen dazu, die Höhe variabler Zinssätze zu bestimmen, und sind somit eine entscheidende Bezugsgröße und Bewertungsgrundlage zahlreicher Finanzprodukte, darunter Derivate, Anleihen, Kredite, Verbriefungen und Einlagen. Doch die Zeit der IBORs läuft nun aus.

2013 haben die Regierungen der G20-Staaten eine Untersuchung in Auftrag gegeben und anschließend Vorschläge für eine grundlegende IBOR-Reform erarbeiten lassen. Zuvor hatten Experten immer wieder Zweifel am bisherigen System geäußert. Die Berechnungsmethode für die IBOR-Zinssätze gilt als unzureichend. Vor allem bei Turbulenzen an den Finanzmärkten könne es zu Ausreißern beim Zinsniveau kommen, lautet die Sorge vieler Aufsichtsbehörden. Versuche von Marktteilnehmern, infolge der Finanzkrise 2008/2009 den LIBOR (London Interbank Offered Rate) zu manipulieren, haben die Kritik verschärft. Der LIBOR wird als häufigster Referenzzinssatz für das britische Pfund, den US-Dollar, den Schweizer Franken und den japanischen Yen herangezogen.

Neuordnung der Referenzzinssätze steht an

An der Neuordnung sind inzwischen supranationale Organisationen, Aufsichtsbehörden und Zentralbanken mit dem Ziel beteiligt, die Berechnung der Zinsen transparenter zu machen und die Effizienz der Finanzmärkte zu verbessern.

2017 kündigte die britische Regulierungsbehörde Financial Conduct Authority (FCA) an, dass die bisher involvierten britischen Banken von 2022 an keine LIBOR-Schätzungen mehr abgeben müssen. In der internationalen Finanzbranche führte dieser Schritt zur Suche nach Alternativen. Auf Grundlage der Empfehlungen des Financial Stability Boards (FSB), ein Aufsichtsgremium über das internationale Finanzsystem, haben inzwischen viele Länder neue Modelle entwickelt.

Geplant ist die Einführung neuer Referenzzinssätze in den kommenden Monaten, überwiegend soll die Umstellung bis Ende 2021 abgeschlossen sein. Für die wichtigsten Währungen gibt es bereits Alternativen, somit für den Euroraum, die USA, Großbritannien, die Schweiz, Japan, Hongkong und Singapur. Bewährte Referenzzinssätze wie der LIBOR und die europäische Variante EONIA werden ersetzt. Der EURIBOR für den Euroraum wurde bereits grundlegend reformiert.

Nach der Reform sollen die variablen Referenzzinssätze deutlich zuverlässiger und belastbarer sein. An die Stelle der IBORs rücken sogenannte Risk-free Rates (RFRs), die eine gänzlich andere Berechnungsgrundlage haben. Während für die IBOR-Berechnungen Zinseinschätzungen ausgewählter Finanzinstitute (Panelbanken) herangezogen werden, liegen den RFRs tatsächliche Transaktionen von erheblichem Volumen zugrunde. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass IBORs Terminsätze sind und RFRs Tagesgeldsätze. Neue Berechnungsmethoden sind auch deswegen erforderlich, damit mit den RFRs Tagesgeldsätze für längere Zinsperioden verwendet werden können. Infolgedessen werden Zinszahlungen nicht mehr zu Beginn der Zinsperiode fixiert, sondern erst rückwirkend am Ende der Zinsperiode. Aufgrund dieser strukturellen Unterschiede müssen RFRs auch bei demselben Produkt anders als IBORs verwendet werden.

Wie sind Kunden von der Umstellung betroffen?

Finanzprodukte wie Derivate, Anleihen, Kredite, Verbriefungen und Einlagen im Wert von mehr als 300 Billionen Euro hingen bisher von Referenzzinssätzen ab. Banken, Versicherer und andere Finanzdienstleister müssen zukünftig alle Verträge auf die IBOR-Alternativen umstellen. Dieser Prozess hat begonnen.

Anbieter von Finanzprodukten, die über 2021 hinaus laufen und Referenzzinssätze wie den LIBOR nutzen, müssen die Vertragskonditionen umstellen. Anpassungen werden auch an anderer Stelle entlang der Wertschöpfungskette erforderlich sein und verschiedene Marktsegmente sowie nachgelagerte Funktionen wie Finanzabwicklung, Risikocontrolling und Rechnungswesen betreffen. Denn fast alle variabel verzinsten Produkte müssen neu berechnet werden. Aber auch festverzinsliche Produkte können Bezüge zu bestehenden Referenzzinssätzen enthalten und müssen dann überarbeitet werden.

Auch Bankkunden sind von der Umstellung betroffen, wenn sie Verträge haben, die Zinssätze verwenden, die nicht der neuen Benchmark-Verordnung (BMR) entsprechen. Das gilt auch, wenn Instrumente genutzt werden, die nicht BMR-konforme Zinssätze für Diskontierung, Besicherung oder Devisentermingeschäfte einsetzen. Sämtliche Prozesse, Systeme, Modelle und Verträge – bestehende wie neue – müssen geprüft und ggf. an die neuen RFRs angepasst werden.

Wie bereitet die Commerzbank die Umstellung vor?

Die Commerzbank verfolgt laufend die aktuellen Entwicklungen zur Reform der Zinssätze, erarbeitet Szenarien und analysiert deren mögliche Auswirkungen. Unsere Abteilungen bereiten die Umstellung vor und entwickeln Lösungen, sollten vorübergehend noch keine neuen Referenzzinssätze zur Verfügung stehen.

Als Kunde erhalten Sie regelmäßig Informationen über die technischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der IBOR-Reform. Die Commerzbank unterstützt Sie bei der Umstellung, behält die aufsichtsrechtliche Entwicklung im Blick und hält Sie auf dem Laufenden.

€STR

European Short Term Euro Rate (€STR) heißt der Referenzzinssatz für den Euro. Er wird von der Europäischen Zentralbank (EZB) ermittelt. Der unbesicherte Zinssatz wird aus den Übernacht- Transaktionen mit Großkundeneinlagen ermittelt. Er wird seit dem 2. Oktober 2019 veröffentlicht.

SOFR

Die Secured Overnight Financing Rate (SOFR) ist ein Produkt der Federal Reserve Bank of New York. Die transaktionsbasierte, besicherte Übernacht-Interbankenrate gilt künftig für eine Vielzahl von Laufzeiten im US-Treasury- Dollar-Repo-Markt. Veröffentlicht wird sie seit April 2018.

SONIA

Die Bank of England ist zuständig für den Sterling Overnight Index Average (SONIA). Der transaktionsbasierte, unbesicherte Übernacht-Zinssatz gilt für Index-Swaps und Overnight-Einlagetransaktionen in Pfund Sterling. Er wird ebenfalls seit April 2018 veröffentlicht.

EURIBOR

Die Euro Interbank Offered Rate (EURIBOR), ein täglich ermittelter Referenzzinssatz, wird seit November 2019 auf der Basis von Finanztransaktionen ermittelt, die die sogenannten Panelbanken mitgeteilt haben. Expertenschätzungen fließen – anders als zuvor – nur noch ein, wenn nicht ausreichend Transaktionen für die Zinsberechnung vorhanden waren. Grundlage des EURIBOR ist der Durchschnittszins, zu dem Banken in der Eurozone unbesicherte Kredite an andere Finanzinstitute vergeben. Das European Money Markets Institute (EMMI) ist für diesen Referenzzinssatz zuständig.

LIBOR

Die London Interbank Offered Rate (LIBOR) ist ein Durchschnittszins, der aus den Einschätzungen ausgewählter Panelbanken in London ermittelt wird. LIBOR-Zinsen werden nicht nur für das Pfund, sondern für vier weitere Leitwährungen berechnet und für sieben Laufzeiten bekannt gegeben – von Übernacht-Zinssätzen bis zu einem Jahr. Verwaltet wird der LIBOR von der ICE Benchmark Administration (IBA), überwacht von der Financial Conduct Authority (FCA).

Welche Länder bereiten die Umstellung auf alternative Referenzzinsen vor?

Führende Volkswirtschaften haben eine Reform angekündigt und bereiten sie vor:

  • Die USA stellen den USD LIBOR höchstwahrscheinlich auf SOFR (Secured Overnight Financing Rate) um.
  • Die EU stellt von EONIA auf €STR (European Short Term Euro Rate) um.
  • Großbritannien stellt von GBP LIBOR auf SONIA (Sterling Overnight Index Average) um.
  • Die Schweiz stellt von CHF LIBOR auf SARON (Swiss Average Rate Overnight) um.
  • Japan stellt von JPY LIBOR auf TONA (Tokyo Overnight Average Rate) um.

Wie sieht der Zeitplan für die Umstellung aus?

Häufig gestellte Fragen zur IBOR-Reform

1. Was ist die EU-Benchmark-Verordnung und welches Ziel verfolgt sie?

Die Europäische Union (EU) verabschiedete 2016 die EU-Benchmark-Verordnung (BMR). Sie soll Verbraucher und Investoren besser schützen, indem sie die Anforderungen an Transparenz und verantwortliche Führung (Governance) für all jene erhöht, die Referenzindizes für Aktien, Rohwaren, Währungen, Zinsen oder anderes bereitstellen, zu diesen beitragen oder diese einsetzen. Mit der Verordnung setzt die EU darauf, dass eine Manipulation von Referenzzinssätzen wie beim LIBOR-Skandal künftig nicht mehr möglich ist.

2. Wer muss die neuen Referenzzinssätze anwenden?

Die BMR gilt für Institutionen und Unternehmen, die in der EU Referenzzinssätze bereitstellen, Daten für deren Berechnung liefern und diese Benchmarks selbst nutzen. Folglich sind Kreditinstitute, Investmentgesellschaften, Versicherungen und andere Finanzdienstleister (gemäß BMR) von der Regulierung betroffen, sobald sie bei Geschäften in der EU auf Referenzzinsen zugreifen. Außerdem ist die BMR auf Aufsichtsbehörden anzuwenden, die in der EU die Bereitstellung von Referenzzinssätzen kontrollieren, sowie auf diejenigen, die die Daten für die Berechnung von Referenzzinssätzen liefern.

Zu beachten ist, dass die BMR für Referenzzinsen in der EU unabhängig davon anzuwenden ist, ob der Anbieter des Referenzzinssatzes in der EU angesiedelt ist. Neben dem European Money Markets Institute (EMMI), das den EURIBOR verwaltet, ist auch die ICE Benchmark Administration (IBA) in Großbritannien als Administrator für den LIBOR bzw. SONIA betroffen – unabhängig vom EU-Austritt des Landes, da nur Indizes der IBA sonst innerhalb der EU nicht verwendet werden dürfen.

3. Was ist überhaupt ein Referenzzinssatz?

Als solcher kann jeder Referenzindex bezeichnet werden, der zur Bestimmung des - im Rahmen eines Finanzinstruments oder eines Finanzvertrags - zu zahlenden Betrags oder des Wertes eines Finanzinstruments verwendet wird. Die exakte Definition von Referenzzinssatz findet sich in der BMR. Folglich unterliegen Zinssätze wie EONIA, EURIBOR oder LIBOR dieser Verordnung.

Sie ist auch für Aktienindizes, Wechselkurse und Rohstoffindizes anzuwenden. Von öffentlichen Stellen veröffentlichte Referenzwerte sind von der BMR ausgenommen und können weiterhin ohne Änderungen eingesetzt werden.

Weitere Informationen zur IBOR-Umstellung finden Sie bei folgenden Institutionen:

Europa: ECB

USA: FRBNY/ARRC

Großbritannien: BOE und FCA

Schweiz: SNB

Japan: BOJ

International: ISDA , IBA , LMA , LSTA

Mit Ihren Fragen können Sie sich auch gerne direkt an uns wenden. Schicken Sie eine E-Mail an unser IBOR-Team oder gehen Sie direkt auf Ihren persönlichen Ansprechpartner bei der Commerzbank zu.